Die Feldpost des Karl Günther Hoffmann

Am 27. 2 1920 wurde Karl Günther Hoffmann als erstes Kind von Pfarrer Gustav Hoffmann und seiner Ehefrau Emmy Hoffmann geb. Drescher in Gießen geboren. Sein Vater Gustav Hoffmann war Pfarrer der EKHN und hatte im 1. Weltkrieg vier Jahre lang als Divisionsgeistlicher teilgenommen und nahm nach dem Krieg eine Pfarrstelle in Maulbach in Oberhessen an. 1924 zog es die Familie nach Mainz und er übernahm die Pfarrstelle in Mainz-Mombach. Karl Günthers Brüder Hans und Klaus wurden 1921 und 1926 geboren. Die drei Kinder wuchsen im Pfarrhaus in Mombach auf. 1933 übernahm Gustav Hoffmann eine Pfarrstelle an der Christuskirche und wurde zum Dekan gewählt, aber 1934 von den Nationalsozialisten als Dekan wieder abgesetzt. Karl Günther war inzwischen in das Adam Karrillon Gymnasium (heute Rhabanus Maurus Gymnasium) gekommen und engagierte sich in der evangelischen Jugendarbeit. Nach dem Verbot dieser Arbeit 1934 gingen er und sein Bruder Hans in die Hitlerjugend. Als dort über Juden und das Alte Testament gehetzt wurde und die Übungsstunden der HJ außerdem auf sonntagmorgens angesetzt wurden, traten Karl Günther und sein Bruder Hans 1937 aus der HJ aus. Es blieb für beide ohne Folgen. 1938 machte Karl Günther Abitur mit dem Ziel Theologie zu studieren. Doch sofort nach dem Arbeitsdienst wurde er  in die Wehrmacht zur Artillerie eingezogen. Seine militärische Ausbildung absolvierte er in der Katenkaserne in Gonsenheim beim 72. Artillerieregiment unter Kommandeur Dr. Boehringer.

Nach Kriegsbeginn wurde das Regiment in der Eifel stationiert. Im Mai 1940 begann der sogenannte Frankreichfeldzug, an dem Karl Günther mit seinem Regiment beteiligt war und im Einsatz das EK II erhielt. 1941 wurde die Einheit in den Osten verlegt und beim Einmarsch in Russland eingesetzt. Karl Günther war Artilleriebeobachter und somit oft an vorderster Front (Brief vom 18.8.1941). 1941 machte er die Offiziersausbildung und wurde Leutnant. Während der gesamten Kriegszeit hatte er in Briefkontakt mit seiner Freundin gestanden und manchmal alle zwei Tage Briefe geschrieben. Auch als die Beziehung auseinander ging, schrieb er weiter an sie und nannte sie nun „mein kleines Schwesterlein“. Karl Günther war ein sehr gläubiger Mensch und verstand seinen Dienst als Soldat als etwas, das ihm von Gott aufgetragen war. Seine Freundin Erika konnte ihm in seinem Glauben nicht folgen. In seinem letzten Brief (Brief geschrieben am 2.1. und 5.1.1943) an Erika trug Karl Günther ihr auf, seinen Eltern von dem Inhalt der Briefe zu erzählen.  „Du hast in meinen Briefen mich ganz…“ so schreibt Karl Günther am 5.1.1943 seiner Freundin Erika aus Stalingrad. Er muss als Artillerieleutnant nun zur Infanterie an die Front. Ab diesem Zeitpunkt erhält weder die Freundin noch die Familie ein Lebenszeichen von Karl Günther. Er gilt vier Jahre lang ab Januar 1943 als vermisst. Es ist für die Familie und auch für die Freundin eine Zeit des Hoffens und Bangens.

Gewissheit über sein Schicksal bekam die Familie 1947 als ein Kollege des Vaters von seinem heimkehrenden Sohn die Mitteilung erhielt, dass Karl Günther im Gefangenenlager Jelabuga bereits im März 1943 an Fleckfieber gestorben war. Nach dieser Todesnachricht schickte Erika die Briefe Karl Günthers dessen Eltern, sie sind heute im Familienbesitz. Ein Kamerad, der bei Karl Günthers Tod dabei war, überlebte die Gefangenschaft und kam 1949 nach Deutschland zurück. Er schilderte die letzten Tage von Karl Günther in zwei Briefen im November und Dezember 1949 (Briefe vom 22.Nov. und 22. Dez. 1949). Nun endlich wusste die Familie wie Karl Günther gestorben und wo er begraben war.

Karl Günthers Bruder Hans kam 1940 zur Wehrmacht und als Funker u.a. auch nach Nordafrika. 1945 kam er in kurze amerikanische Kriegsgefangenschaft und studierte anschließend in Mainz und Erlangen Theologie und wurde Pfarrer. Auch sein  Bruder Klaus wurde noch im letzten Kriegsjahr eingezogen und war an Rückzugsgefechten in Frankreich beteiligt. Wie Hans überlebte auch er den Krieg.

Karl Günthers Eltern wurden 1945 im Pfarrhaus an der Christuskirche ausgebombt. Nach einer kurzen Zeit in Essenheim übernahm Gustav Hoffmann die Pfarrstelle in Mainz-Gonsenheim, wurde wieder Dekan und blieb gemeinsam mit seiner Frau Emmy in Gonsenheim bis zu seinem Ruhestand 1956, den er im Alter von 71 Jahren antrat. Karl Günther Hoffmanns Name wurde auf die Gefangenentafel in der evangelischen Kirche in Gonsenheim aufgenommen. Der Tod des ältesten Sohnes blieb für die Eltern zeitlebens eine offene Wunde.

 

 

Beim Vormarsch in Russland

Rußland, den 18.8.41

Mein liebes, liebes Mädchen!

Der schwarze Brief, die Karte und der letzte Brief vom 3.8. sind alle in meinen Händen. Überhaupt habe ich all‘ Deine Post bis jetzt erhalten, wenn es auch manchmal 14 Tage oder mehr dauerte. Auch das Bildchen habe ich bekommen und schrieb Dir gleich darauf. Ich bin ja so froh und glücklich, wenn ein Brief von Dir kommt. Das ist gar nicht zu sagen! Es täte mir sehr leid, wenn Du Post von mir nicht bekämst. Aber das wird ja kaum möglich sein. Sie ist nur schrecklich lange unterwegs. Dies stimmt. Ich schreibe Dir fast alle zwei oder drei Tage. Wenn Du es aber wünschst, werde ich noch öfter schreiben.

Ich sitze eben am Fenster eines russischen Dorfschulhauses und zwar in einer Schulbank alten Angedenkens. Man hat von hier einen guten Blick ins Vorgelände, wo versprengte Feindtrupps sich noch rumtreiben. Wir sichern heute nach der Flanke gegen einige Wälder. Vor mir auf der großen Straße rollt der Vormarsch der Division ununterbrochen weiter. Ich schrieb Dir neulich schon von den Stuka-Angriffen. Beim Übergang über die Luga war ich in vorderster Linie als das jenseitige Ufer von der Luftwaffe sturmreif gehämmert wurde. Erst kamen die Schlachtflieger (schwere Bomber), dann unzählige Stuka. Über uns begannen sie zu stürzen und dreihundert bi 400 m vor uns krachten die Brocken auf die feindlichen Stellungen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Als wir dann gleich auf Bretterstegen den Fluß überschritten fiel kein Schuß mehr. Was nicht tot war, war geflohen. Seit fünf Tagen schon wurden in der ganzen Gegend die Stellungen in rollendem Einsatz von morgens bis abends bombardiert. Bei den Franzosen genügten zwei Stunden! Aber allmählich haben sie doch die Schnauze vollgekriegt und türmten. Hier sah ich auch die ersten Flintenweiber. – Abscheulich! Eine war sogar durch eine Bombe gräßlich verwundet, viele waren tot. Das ist ein Krieg!!

Voller Dank gegen Gott kann ich sagen, daß es mir gut geht und ich wohlauf bin. Es wird von hier aus bald wieder weiter gehen. Tausend heiße Grüße sendet Dir, meine liebste Erika,

Dein Karl Günther

Letzter Brief aus Stalingrad

Rußland, den 2.1.43

Liebe Erika!

Unter Bomben und Granaten ist der Vorhang vor das alte Jahr gefallen. Ich durfte es im Kameradenkreise in einer warmen Bude erleben, wie des Jahres zwölfte Stunde herankam. Um 22.00 ließ Iwan seinen Silvester-Salut schon los, und für einige Zeit war der Himmel, der mit tiefhängenden Schneewolken überzogen war, übersät mit dem Aufzucken der feindlichen Mündungsfeuer, und die Erde dröhnte. Um 24.00 ratterten nur vereinzelt M.G. und gespenstisch warfen die Wolken den fahlen Schein der Leuchtkugeln zurück. – Wie wirst du, liebe Erika, ins neue Jahr geschritten sein? Warst Du zu Hause? Ich hoffe, daß mein kleines Schwesterlein froh das alte Jahr beschließen konnte und mit offenem Herzen die Schwelle ins neue Jahr überschritten hat. Ich wünsche Dir für die kommenden 365 Tage Glück und Segen.

den 5.1.43

Liebe Erika! Heute komme ich erst wieder dazu, den Brief an Dich fortzusetzen. Inzwischen hat sich eine neue Situation für mich ergeben. Übermorgen werden wir vier Offizierssoldaten mit allen entbehrlichen Männern unsere Behausungen verlassen und hinausziehen „auf die Wälle und Gräben“, um Grenadiere zu spielen. Wieder einmal ruft uns die „Krone aller Waffen“, denn für die vielen Männer, die wir in der Abteilung noch sind, reichen die Kanonen nicht mehr! So werden wir denn unmittelbar mit dem Feind in Fühlung treten, der die „Festung St.“ berennt. Es heißt nun für uns ganz hart werden, denn einfach ist es nicht. Die Möglichkeit, den Weg des Opfers gehen zu müssen, ist damit näher gerückt. Nicht, dass ich davor zurückschrecke. Was so viele meiner Kameraden und besten Freunde gekonnt haben, werde ich auch, mit Gottes Hilfe, vollbringen können. Gott weiß allein die Stunde. Er kann bewahren – gestern Abend setzte uns Iwan vier dicke Bomben rund um den Bunker, und ich nenne es voller Dank ein wahrhaftiges Wunder, daß wir verschont blieben – und Er kann zu sich nehmen. Beides kommt aus seiner Hand uns ist sein Wille. Es ist mein Gebet, daß Er ein bereites Herz finde.
Entschuldige bitten den ernsten Ton dieses Briefes. Aber ich bin nun mal Soldat und da muß auch einmal von diesen Dingen geredet werden, von dem, was von hunderten von Soldaten an jedem Tag gefordert wird. Und sollt es denn sein, daß wir uns an jenem Maiabend zum letzten Mal die Hand gedrückt haben, so bitte ich Dich als mein liebes Schwesterlein herzlich, nicht traurig zu sein. Wie ein Dichter sich ausdrückte, so möchte ich es auch haben:
„Laßt uns die stillen Gefährten Eurer frohen Stunden sein!“
Das Leben geht weiter und hat einem Mädelchen wie Dir noch soviel Schönes zu bieten! Einen Wunsch aber wirst Du mir erfüllen können: Du hast in meinen Briefen mich ganz, mein Denken und Hoffen und mein Lieben – mein Leben. Du bist die Einzige, der einzige Mensch, der das besitzt. Meine Eltern wissen, daß uns beide ein Band herzlicher Freundschaft verbindet, von dem ich einmal mehr erhoffte. Sie wissen auch, warum dieses „mehr“ nicht sein kann und sind der gleichen Ansicht wie auch wir beide, daß eben das, was bei uns nicht ist, vorhanden sein muß. Du wirst aber bei meinen Eltern immer eine herzliche Aufnahme finden. Daher ist meine Bitte die, daß Du meiner Mutter und meinem Vater von dem erzählst, was ich nur Dir geschrieben habe – soweit Du es tun möchtest. Sie sollen wissen, daß ich ganz Soldat war, daß ich nämlich in freiem Geben gehorsam sein konnte meinem General – und Gott.
Damit wäre diese einmal gesagt. Sollte ich aber die Heimat wieder schauen dürfen, dann wird einer meiner ersten Wege zu Dir sein dürfen, um Dir zu danken für Deine offene Haltung mir gegenüber und für Deine treue Freundschaft. Dieser Dank übrigens sei Dir nicht dann erst, sondern auch heute schon - immer - gesagt. 
Wo wirst Du jetzt stecken? Schreibst Du nicht davon, daß Du als Erzieherin irgendwohin nach Süden kämst? Hoffentlich bist Du gesund und kannst fröhlich und heiter Deine schönen Aufgaben erfüllen.
Aus „der Festung“ – aus weitem, fernem, weißem Land grüßt Dich in treuer Freundschaft
Dein Karl Günther

Schilderung des Todes von Karl Günther Hoffmann in Gefangenschaft

Reinhold Wurdack war Offizier der gleichen Batterie und mit Karl Günther Hoffmann in Gefangenschaft im Kriegsgefangenenlager Jela Buga. Er schrieb 1949 nach der glücklichen Rückkehr aus der Gefangenschaft den Eltern von Karl Günther zwei Briefe. Die Familie hatte schon 1947 von dem Tod ihres Sohnes erfahren. 

Wagolsheim 22. Nov. 1949

Sehr geehrter Herr Hoffmann!  
… es ist für mich nicht leicht, an diese Zeit zu denken. Ich war mit Günther in einer Batterie und mit ihm eng befreundet. Im März 43 brach das Fleckfieber aus und Günther war mit bei den ersten, denen die Krankheit befiehl. Ich selbst erkrankte erst daran, Ende April des gleichen Jahres und so war es mir möglich während seiner Krankheit bei ihm zu sein. Vor allem in den letzten Tagen, wollte er, daß ich immer bei ihm bleibe. Er erzählte viel von Ihnen. Günther wußte auch, daß er sterben würde und er ließ sich das von mir auch nicht ausreden. Sein einziger Wunsch war nur immer, Sie noch einmal zu sehen. In den letzten drei Tagen machte dann das Herz nicht mehr richtig mit, so daß er schon zeitweise ohne Besinnung war. Früh um vier Uhr am 24. März 1943 ging es zu Ende. Es war auch für mich ein harter Schlag.

Sollte ich einmal nach Mainz kommen, so werde ich sie ganz bestimmt besuchen. Ich kehrte vor acht Tagen aus dem sog. Paradies zurück. Was ich anfangen werde, weiß ich bis jetzt auch noch nicht. Ich bin Sudetendeutscher und habe alles verloren. Aber die Hauptsache ist, man ist gesund und wieder in Freiheit. Mit herzl. Grüßen verbleibe ich Reinhold Wurdack.

Wagolsheim, 22. Dez. 1949

Sehr geehrte Fam.Hoffmann 
… Nun will ich Ihnen kurz noch einmal über Günther schreiben. Es stimmt, wie Herr Schmidt schon sagt, Günther hatte schon in Krasno-Armeisk kaum gegessen. Wir erhielten damals nur salzene Wassersuppe (Haferspelzen) und diese konnte er nicht essen. Für ein paar Tage, hatte ich ein paar Körner Salz besorgt und als es zu Ende war, konnte Günther diese Suppe nicht mehr essen. Am 1. März 1943 wurden wir dann verladen. Ich hatte damals noch einen großen Pelzmantel, darin rollten wir uns immer ein. Diese Fahrt verbrachten wir in ungeheizten Waggons. Günther hatte immer sehr großen Durst. Wasser erhielten wir aber nicht. Pro Tag 1 Salzhering und dadurch war der Durst nachher noch größer. Sowohl Günther als auch ich aßen den Hering nicht mehr. Auf dem Marsch nach Jela-Buga, hatte Günther starken Durchfall. Dadurch wurde er natürlich immer schwächer. Bei der Ankunft hatte Günther Fieber. Es dauerte noch 4 Tage bis er ins Lager kam, weil jeder der Fieber hatte zuerst in das Stadtlazarett mußte. Es war dort aber ebenfalls keine Behandlung. Als Günther dann ins Lager kam, war er schon zu schwach zum gehen. Appetit hatte er auch keinen. Ich kochte dann für ihn Wasser ab und röstete sein Brot. Das war das einzige, was er noch essen konnte. Wie ich Ihnen ja schon schrieb, war Günther in den letzten beiden Tagen öfter ohne Besinnung. Ich holte einen Arzt und dieser sagte, daß das Herz nicht mehr richtig mitmacht. Ich war meistens bei ihm gesessen, er hätte mich auch nicht weggehen lassen. Fleckfieber hatte er auf jeden Fall, denn als ich acht Tage später krank wurde, bekam ich dieselben Flecke am Körper wie ich sie bei Günther sah. Begraben wurde Günther auf einer Anhöhe nicht weit weg vom Lager. Dort fanden alle, die in dieser Zeit starben die letzte Ruhe…